Für Taka-chan
(Nur er schafft es, mich zu
solchen Dingen zu treiben!)
Convicted of glare
Es war schwarz. Alles um ihn herum war schwarz, dunkel, finster. Normal war es doch nie so dunkel, selbst mitten in der Nacht hatte Ohno sonst bisher gewisse Umrisse erahnen können, funkelte doch ab und an irgendwo ein schwaches Licht auf; und wenn es nur draußen vom Trubel der Straßen kam.
Aber jetzt war es dunkel wie nie zu vor.
Ohno Satoshi versuchte sich zu bewegen, ja nur ein Stückchen sich zu regen, aber es ging nicht. Sein ganzer Körper fühlte sich gelähmt an, als hätte sich eine unbesiegbare Starre über seine Glieder gelegt, als wären seine Knochen eingefroren.
Spätestens jetzt bekam er Panik.
'Was... was geschieht hier...? Wieso ist es so verdammt finster? Und wo bin ich überhaupt?'
Wenn er eines wusste, dann war es, dass er nicht dort lag, wo er eingeschlafen war. Nicht in dem warmen, kuscheligen Bett des kleinen Hotelzimmers, dass er sich in der letzten Nacht mit Nino geteilt hatte. Aber wieso war er nicht mehr dort?
"Ohno-san...", dröhnte plötzlich eine zart klingende Stimme in seinem Kopf, verwirrte ihn, denn sie kam ihm einerseits bekannt vor - bekannt in ihrem Klang - aber war doch die Art, die Tonlage eine ganz neue. Und dies hinderte ihn daran, zu begreifen, woher er die Stimme kannte, hinderte ihn daran, ihr ein Gesicht zuzuordnen.
"Uhhh...", kam selbst nur über seine Lippen, in eigenartig verzerrtem Ton. Was immer hier auch passierte, es wurde von Minute zu Minute schlimmer. Denn jetzt spürte Ohno, wie ausgelaugt sein Körper doch war, wie schwach seine Glieder, wie ihm alles wehtat. Und die Schmerzen nahmen immer mehr zu.
'Ich will... einfach nur wieder einschlafen...'
Doch sein unausgesprochenes Flehen wurde nicht erhört, wurde sein Verstand doch wie aus Trotz immer klarer und klarer.
Gleichzeitig wurde es heller.
"Ohno-san." Die Stimme hörte sich nun noch freundlicher, sanfter an, als zuvor. Auch wenn das schon gar nicht mehr möglich schien.
Ohno fühlte sich wie verzaubert von diesem zarten, weichen Klang und konnte nicht anders, als langsam zu sich zu kommen und die Augen zu öffnen.
Zuerst war alles verschwommen, in schwummriges, weißes Licht getaucht. Ohno musste blinzeln, einmal, zweimal, ehe er überhaupt etwas erkennen konnte. Weiß. Die Wände waren weiß, die Decke war weiß, Türen, Fenster, alles. Zusammen mit dem leicht unangenehmen, strengen Geruch wurde ihm schnell klar, dass er in einem Krankenhaus liegen musste.
Aber aus welchem Grund?
Als er sich versuchte zu rühren, kamen die Schmerzen wieder. Hatte er einen Unfall gehabt? War irgendetwas mit ihm passiert? Vielleicht während einer Probe?
Doch Ohno hatte sich gestern Abend ganz normal schlafen gelegt, zwar müde, erschöpft vom anstrengenden Tag, aber doch nicht verletzt, in keinem Zustand, der einen Krankenhausaufenthalt erklären könnte.
Er hatte doch sogar noch über irgendetwas zusammen mit Nino gelacht, sie hatten sich unterhalten und gescherzt. Aber an das Thema konnte er sich schon nicht mehr erinnern.
"Ohno-san, wie fühlen Sie sich?", erklang in feinem Ton. Ohno wandte seinen Kopf direkt zur Seite, seine Augen suchten den Raum nach der Geräuschquelle ab, nach dieser so wunderbar sanft klingenden Stimme. Gleichzeitig stieg ein Dröhnen in seinen Kopf, breitete sich hinter seiner Stirn aus. Irgendwo her kannte er doch diese Stimme.
Doch die Krankenschwester vor ihm, zu der sie anscheinend gehörte, hatte er noch nie gesehen.
"Uh... ich... es geht so...", antwortete er mit schwacher Stimme, spürte aber, wie seine Schmerzen mit einem Mal weniger wurden. Verwirrt sah er an seinem Körper hinab, wurde ihm plötzlich bewusst dass er nirgends verarztet war. Keine Verbände, nichts. Noch nicht mal eine Infusion hing an seinem Arm.
Wieso lag er denn überhaupt hier?
Die Krankenschwester kam näher und Ohno erhaschte einen besseren Blick auf sie. Er hatte Glück, wirklich großes Glück. Denn wie oft bekam man
so gut aussehende Krankenschwestern? Ihre Kleidung hatte einen sanft rosa Touch, ihre Haare hatte sie unter dem schicken Schwestern-Häubchen dezent nach hinten gesteckt und auf ihrer süßen Stupsnase saß eine Brille mit modernem, schwarzen Rand, welche unglaublich gut mit ihrem Gesamtbild harmonierte, ihr das gewisse Etwas gab, ohne dabei allzu streng zu wirken.
Als er das prägnante und irgendwo so bekannte Mutermahl auf ihrem Kinn sah, wurde ihm zum ersten Mal bewusst, dass hier etwas gewaltig nicht stimmte.
„Ohno-sama“, erklang plötzlich im Sing-Sang Ton und Ohno erstarrte.
„Eh… sa-
sama…?“, konnte er nur stotternd hervor bringen, wurde ihm doch mit einem Mal mehr als komisch bei dem Ton, dem Suffix, mit welchem die Krankenschwester zu ihm Sprach.
„Kann ich irgendetwas für Sie tun?“, folgten schon zarte Worte und er sah wie sich ein liebevolles Lächeln auf den fein geschwungenen Lippen der Krankenschwester bildete.
Ohno wusste schon gar nicht mehr, was er sagen sollte.
„Ich… eh… sagen Sie… wieso… lieg ich hier? Was ist passiert?“
Und plötzlich veränderte sich etwas in dem sanften Blick der Schwester, schaute diese ihn fragend an, während sich ihre Augenbrauen auf eine nur zu bekannte Art zusammen zogen. Diesen Blick kannte er! Diese Stimme… wenn sie doch nur nicht so verstellt klingen würde, vielleicht würde ihm dann einfallen, wieso sie so vertraut war.
„Wissen Sie das etwa nicht, Ohno-sama?“, klangen etwas enttäuscht die Worte durch den Raum und Ohno konnte nur perplex zusehen, wie die Krankenschwester näher zu ihm trat, gleichzeitig einen Verband aus ihrer Tasche holte.
„Sie sind doch… auf eigenen Wunsch hier.“
Spätestens
jetzt wusste Ohno, dass definitiv etwas nicht in Ordnung war. Doch ihm blieb nicht viel Zeit, war die Schwester doch schon an seinem Bett angekommen, hatte den Verband entwickelt und Ohno wusste nicht wie ihm geschah, spürte nur noch wie er an den Händen gefasst wurde, wie seine Handgelenke Kontakt mit dem Bettgitter machten. Einen Augenaufschlag später spürte er den weichen Verband um seine Arme, konnte seine Hände nicht mehr bewegen.
„Ahh… was tun Sie…? Was…? Eh…?“ Mit weit aufgerissenen Augen sah er zu der Krankenschwester, welche nun ein nur zu bekanntes Schmunzeln auf den Lippen hatte.
Und mit einem Mal traf es ihn.
„N-Nino?“ Ohno glaubte in diesem Moment, seine Augen, sein Verstand würden ihm einen Streich spielen. Einen gewaltig merkwürdigen Streich. Doch selbst nach heftigem Blinzeln sah die Krankenschwester immer noch so aus wie sein Bandkollege.
Mit der Erkenntnis kam noch mehr Verwunderung und gleichzeitig auch leichte Angst, da ihm mit einem Mal bewusst wurde, dass er gerade vom Größeren ans Bett gefesselt wurde. Schnell versuchte er seine Hände zu befreien, doch verzog bloß das Gesicht, als sich der festgebundene Verband etwas schmerzend an seiner Haut rieb.
„Nino, was soll das? Mach mich los! Was hast du vor?“, entrann es heiser seiner trocken gewordenen Kehle, kroch immer mehr Panik in ihm auf. Doch dieses Gefühl, dem Jüngeren ausgeliefert zu sein wurde ganz tief in seinem Inneren allmählich… aufregend. Auch wenn er es sich selbst unter keinen Umständen eingestehen wollte.
„Aber Ohno-sama, dass ist doch genau das, was Sie wollen…“ Das Schmunzeln war verschwunden, tauchte stattdessen wieder ein sanftes Lächeln auf Ninos Lippen auf, während er abermals in seine Tasche griff. Eine ungewöhnlich große Spritze kam zum Vorschein.
„Das wollen Sie…“, waren die Worte, während Ohno nur entsetzt auf die lange Nadel starren konnte, aus der ein paar klare Tropfen spritzten, als Nino elegant etwas Luft aus dieser drückte.
Der Ältere kniff schnell die Augen zusammen, wollte nicht sehen, nicht fühlen, was jetzt wohl mit ihm passieren würde. Wollte einfach nur wieder einschlafen und nicht mehr aufwachen. Das alles konnte doch nicht wahr sein, dass war doch nicht möglich.
Erschrocken von dem angenehmen Kribbeln in seinem Bauch riss Ohno die Augen wieder auf, sah, dass die Spritze längst verschwunden war, der Blick der Krankenschwester wieder sanft, liebevoll.